Ein Ausflug in die Naturwissenschaften

- Ein Erlebnisbericht aus dem Physik-Feriencamp Pfingsten 2010 -

Im experimentierfreudigen „KonPhys-Camp“ der Universität Konstanz erfahren Schülerinnen ihre naturwissenschaftlichen Stärken.

Physik steckt in einem Abend am Lagerfeuer, wenn wir durch Fernrohre in die Sterne schauen und wenn künstliches Licht aus Taschenlampen die Nacht durchstreift. Physik begleitet uns auf den Badesee, wenn wir ein Floß bauen und dank seines Auftriebs auf den Wellen schaukeln. Wer das Auge dafür hat, wird die Physik selbst in den Baumwipfeln erkennen, wenn wir uns mit Flaschenzügen auf den Hochseilgarten hinaufziehen und dort Fallgesetze erfahren – natürlich mit Sicherungsseil, versteht sich. Physik ist überall, vor allem auch dort, wo Spaß ist: Im „KonPhys-Camp“ der Universität Konstanz erleben 30 Schülerinnen aus ganz Baden-Württemberg eine Ferienwoche lang, wie lebhaft Naturwissenschaft sein kann – und dass Naturwissenschaft keineswegs „nur für Jungs“ eine spannende Studien- und Berufsperspektive bietet.

Wer kann von sich schon behaupten, schon einmal einen Lügendetektor gebaut oder einen Stift zum Schweben gebracht zu haben? Die Schülerinnen vom „KonPhys-Camp“ der Universität Konstanz ganz bestimmt! Im Mittelpunkt des einwöchigen Physik-Ferienlagers steht das erlebnisreiche, selbständige Experimentieren. Was mit ein wenig Erfindungsgeist, ein paar Magneten und Drähten und einer Prise Tüftelei so alles gebaut werden kann, ist schon beeindruckend – und lehrreich allemal: Bewegungssensoren aus einfachen Stromkreisen, die auf die elektrostatische Ladung eines Körpers reagieren, wasserdichte Periskope und Taschenlampen, die durch Schütteln ihren eigenen Strom produzieren. Doch was machen ein Magnet und eine Kupferdrahtspule in einer Taschenlampe? Und warum schlägt der Stromkreis des Lügendetektors nur bei demjenigen aus, der vom Lügen feuchte Hände bekommt? Ganz nebenbei entdecken die Schülerinnen physikalische Gesetzmäßigkeiten beim Tüfteln: Wie Strom erzeugt wird, wie man ihn in Kreisläufen leitet und nach welchem Prinzip ein Flaschenzug funktioniert. „Wesentlich ist, dass die Mädchen hier Spaß haben, aber immer mit dem Hintergedanken, dass es ihnen die Physik nahebringt“, erläutert die Projektkoordinatorin Claudia Nussbaumer.

Welch ein Tag: Am Morgen schicken die Mädchen Musik per Laser durch den Raum, im Labor der Universität Konstanz ertönt Lady Gaga – den Lautsprecher haben die Schülerinnen übrigens selbst gebaut. Nachmittags bauen sie ein Floß aus Autoreifen und erobern damit den Bodensee. Abends wandeln sie ganz nebenbei akustische Frequenzen um, um dem Nachtgesang der Fledermäuse zu lauschen, oder erstellen eine Sternenkarte. „Ich fand es gut, dass wir alles in Gruppen machen konnten, dass wir die eigene Kreativität einbringen konnten“, erzählt die Neuntklässlerin Dorothee Boppre aus dem Gymnasium Karlsbad. Der Hochseilgarten auf dem Campgelände hat es ihr besonders angetan – doch was hat Klettern mit Physik zu tun? „Wir haben einen Flaschenzug gebaut und einen Betreuer hochgehoben. Dafür mussten wir die Kraft berechnen, um ihn einen Meter hochheben zu können."

„Im Vordergrund des KonPhys-Camp steht, den Mädchen die Chance zu geben, sich selber in einem Bereich auszuprobieren, in dem sie sonst kaum diese Möglichkeit haben. In der Schule haben sie häufig nicht die Gelegenheit, einmal einen Lötkolben in die Hand zu nehmen und etwas selber zu basteln“, erläutert Physik-Professor Thomas Dekorsy den Gedanken des Physik-Feriencamps. „Über dieses eigenständige Experimentieren wollen wir ihr Interesse an Naturwissenschaft und Technik wecken. Wir hoffen, dass sich mehr Frauen in dieses spannende Berufsfeld begeben.“ Um den Schülerinnen Studien- und Berufsperspektiven in den Naturwissenschaften nahezubringen, unterstützen die zentrale Studienberatung der Universität Konstanz und das Mentoringprogramm Konstanz das Feriencamp: Studentinnen und Doktorandinnen der Universität Konstanz stehen den Schülerinnen bei ihren Projekten zur Seite und beantworten Fragen zu Studium und Universität. „Die Idee ist, ihnen über Mentorinnen Rollen-Vorbilder zu geben“, erklärt Gudrun Damm, Koordinatorin des Mentoring-Programms. „Mir geht es grundlegend darum, dass sich die Schülerinnen bewusst werden über die Vielfalt der Fähigkeiten“, ergänzt Studienberaterin Ulrike Leitner: „Typischerweise wird erst nur in schulischen Begriffen wie ‚Mathe können’ oder ‚gut in Deutsch sein’ gedacht, doch für die Karriereplanung sind auch die ganzen persönlichen, sozialen Stärken entscheidend. Die Schülerinnen sollen erfahren: In welchen Berufen – auch technischen Berufen – brauche ich denn welche Stärken? Wie sind meine eigenen Interessen? Welches Profil habe ich?“

Das KonPhys-Camp findet im Rahmen der Initiative „Schülerinnen forschen“ statt, einem Programm des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg in Kooperation mit der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit. Schülerinnen der Klassen 7 bis 10 erleben darin an acht Hochschulen ein erlebnisorientiertes Programm, das ihnen die Naturwissenschaften nahe bringt, ihnen ihre naturwissenschaftlichen Stärken vermittelt und ihnen Studien- und Berufswege in Naturwissenschaften und Technik aufzeigt. Mit welcher Leichtigkeit Naturwissenschaft erlebt werden kann, davon zeugen die Teilnehmerinnen selbst am besten – Dorothee Boppres Worte sprechen für sich: „Es hat Spaß gemacht: Überall, alles, jeder Tag!“

 

Mit freundlicher Unterstützung der